die Etymologie

| Entstehung und Bedeutung des Familiennamens |


 

Man macht sich eigentlich viel zu wenig Gedanken über die Bedeutung seines Familiennamens, den man als ständigen Begleiter durch sein ganzes Leben erhält. Sorgsam achtete man darauf, dass in der Aussprache und Schreibung ja kein Buchstabe unterdrückt und unterschlagen wird. Man kümmert sich also nur um die äussere Form, fragt dagegen selten nach dem Sinn und der ehemaligen Bedeutung seines Namens. Im folgenden ist nun versucht worden, Ursprung und Bedeutung des Familiennamens Heerwagen festzustellen, wobei nachgewiesen werden konnte, dass er sich seit dem 14.Jahrhundert aus  H o r r e w a y n entwickelt hat. Flüchtig betrachtet, weist diese Namensform kaum eine Verwandtschaft mit dem späteren Familiennamen Heerwagen auf und es überrascht, in ihr die Urform des Namens zu sehen. Die verschiedenen Namensformen, welche man für Horrewayn, bzw. Heerwagen nachweisen kann, sind nicht verwunderlich für eine Zeit, in welcher auf Amtsstellen und Pfarrämtern die Familiennamen nur nach dem Gehör, also ohne urkundliche Unterlage geschrieben wurden und das Schriftbild des Namens ganz von der Willkür des Schreibers abhängig war. Es kommt sogar vor, dass der Name in ein und demselben Schriftstück verschiedene Schreibweisen aufweist. Aber auch noch heute wird der Name in der Umgangssprache abgewandelt. So wird eigenartiger Weise häufig der letzte Buchstabe unterdrückt und man hört nicht selten Heerwage und Herrwage. Aber auch mit einer gänzlich anderen Namensform, nämlich Heerwegen, werden ebenfalls oft Träger des Namens Heerwagen belegt. Während Heerwage noch nicht als Familienname nachgewiesen werden konnte, ist Heerwegen (bzw. Herwegen) bereits für 1610 für Köln bezeugt. Da dieser Name aber sicherlich aus Herweg entstanden ist, wurde auf ihn hier nicht weiter eingegangen. 

Bei dem Familiennamen Heerwagen haben wir den glücklichen Umstand, dass er sich beinahe 600 Jahre zurückverfolgen lässt bis in eine Zeit, in welcher die Familiennamen auf dem Lande - in den Städten war es aus erklärlichen Gründen früher - überhaupt in Erscheinung traten und erblich wurden. Das Ursprungsgebiet des Namens Heerwagen ist in Thüringen zu suchen. Bereits im 14.Jahrhundert lässt sich dort der  Name in der Form von  H o r r e w a y n  nachweisen, woraus, wie einwandfrei anhand von Urkunden festgestellt werden konnte, sich die heutige Schreibform entwickelt hat. Die ältesten Nachweise sind für Alperstedt und Udestedt, beides Dörfer nördlich von Erfurt gelegen, für das Jahr 1362 bezeugt und für Unterschöbling bei Königsee für 1366. Für die Entstehung des Namens kommen mehrere Möglichkeiten in Frage. In der deutschen Namenkunde   von Gottschald wird der Name von einem mit hari = Heer zusammengesetzten Eigennamen abgeleitet. Heerwagen soll demnach, wie auch Harwig, Herwig, Hörwick, Hierweger u.a. aus dem althochdeutschen H a r i w i c h  entstanden sein. Eine andere Bedeutung lässt Grimms Wörterbuch der deutschen Sprache zu. Danach hiessen im Mittelalter alle Wagen, die zu einem Kriegszuge als eigentliche Streitwagen, aber auch zum Heranholen von Proviant und Munition gebraucht wurden, Heerwagen. Und weiter liest man dort: Heerwagen heisst auch ein Bezirk von gewissen Dorfschaften oder Untertanen, welche in Kriegszeiten einen Heerwagen stellen und unterhalten mussten. In dem Thüringischen Aufgebot erscheint nun tatsächlich im Laufe des 14. und 15.Jahrhunderts die Wagenburg als wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung. In den Musterungslisten der thüringischen Ämter werden zu dieser Zeit  neben den Ritterpferden und Mannschaften,die zu stellen waren, auch jedesmal die Heerwagen angeführt 1). Da nun bei Haila in Oberfranken ein Ort H o r w a g e n  nachzuweisen ist, so darf man nach der Auslegung von Grimm wohl auch ohne  weiteres annehmen, dass eine Person, bei welcher der Heerwagen abgestellt war oder die ihn für einen Kriegszug zu stellen hatte , den Namen Heerwagen zugelegt bekam. Bei einer solchen Annahme ist es ohne weiteres ersichtlich, dass bei einer Namensgleichheit noch keineswegs eine Stammesgleichheit angenommen werden darf, da der Name unabhängig  voneinander in verschiedenen Orten entstanden sein kann. Der Versuch, den Namen auf diese Art zu deuten ist ansprechender als die Ableitung von Hariwich, zumal "wayn" tatsächlich die Bedeutung von Wagen hat 2). Nach Grimm führt aber das Sternbild des grossen Bären neben den Bezeichnungen grosser Wagen, Thors- oder Karlswagen auch noch den Namen Heer-oder Hörwagen 3). Als Hauszeichen oder Hausname gebraucht, könnte dieses Sternbild dem Hausinhaber ebenfalls den Namen gegeben haben. Ganz einwandfrei ist es also nicht mehr festzustellen, welches die Gründe und Ursachen waren, die veranlassten, dass eine Person die Bezeichnung Heerwagen als Familienname übernahm, bzw. von anderen danach benannt wurde. Man muss sich vorläufig mit den hier angedeuteten Möglichkeitern zufrieden geben. In Thüringen liessen sich bis jetzt folgende Schreibformen  feststellen:

Horrewayn (1362), Horrewain (1455), Horrewan (1455), Horwagen (1455), Horwayn (1465), Horwain (1582) , Hörwagen (1645, Herwayn (1524), Herwagen (1615), Hervagius (1548). Vielleicht gehört hierzu auch noch Hornwayn (1504) und Hohrwahn (1663).

Vielleicht darf man nun Thüringen doch nicht als alleiniges Ursprungsgebiet des Familiennamens Heerwagen ansehen, da ab 1528 auch bereits in Basel der Name in der Form Herwagen auftaucht 4) und 1464 für Wyl und Büsslingen in der Form von Herwag bezeugt ist. In diesem Namenskreis kann man vermutlich auch jene Anna Herwagiana rechnen, die um 1550 in Dortmund nachzuweisen ist. Um zu klären, ob es sich hier nur um ein vereinzeltes Auftreten des Namens handelt, waren die bisher erreichbaren Quellen und Unterlagen zu dürftig. Man muss aber mit der Möglichkeit rechnen , dass bei einer gründlichen Bearbeitung des süddeutschen Gebietes 5), welche bislang noch nicht erfolgen konnte, weitere Namensträger auftauchen, die in keiner Beziehung zu den thüringischen Heerwagens stehen brauchen. Ebenso muss die Frage noch offen bleiben, ob man hier dieselben Deutungsversuche wie für den thüringischen Raum anwenden darf.  Weiterhin lässt sich hauptsächlich in Süddeutschland nun auch ein Familienname Hellwagen nachweisen, der anscheinend dieselbe Bedeutung wie Heerwagen hat. So heisst nach Brechenmacher 6) das Sternbild des grossen Bären, für welches hier auch schon der Name Heerwagen nachgewiesen ist, im Mittelhochdeutschen auch "hellewagen" 7). Es wird aber auch versucht, diesen Namen von "hellewac" abzuleiten, was im übertragenen Sinn etwa "tiefes Wasserloch" bedeuten soll.Nach Brechenmacher soll die Form Hellwag in Würtemberg nicht gerade selten sein. Bereits 50 Jahre vor dem ersten Nachweis des Namens Heerwagen (bzw. Horrewayn) in Thüringen, lässt sich der Name Hellwagen nachweisen. So ist nach dem mittelhochdeutschen Wörterbuch von Lexer für das Jahr 1314 ein Wolframus dictus Hellewagen bezeugt. In Görlitz tritt 1486 auch eine Form Hellewayn auf. Dass man berechtigt ist, die beiden Namensformen Heer- und Hellwagen gleichzusetzen, beweist ein altes Nürnberger Geschlechterbuch in dem es heisst, dass ein "Conrad Hellwagen oder Heerwagen ist zu Nürnberg Bürger worden Anno 1336". Abschliessend kann man sagen, dass sich die verschiedenen Namensformen in Mitteldeutschland hauptsächlich zu Heerwagen entwickelt haben, während die Abart Herwagen fast gar nicht auftritt. Dagegen scheint in Westdeutschland der Name in der Schreibform Herwagen vorherrschend zu sein 8).

 

Literatur:

  1. 1) Zu einem Heerwagen, auch bekannt als eine Abgabelast, gehörte nach Adrian Beiers Jenaischen Annalen (1523-1599): "Darzu gehören nicht nur allein Wehren und Waffen als 1 Hakkenbüchse, 2 Schaufeln, 2 Spaten, 2 Radhauen, 2 Äxte, 2 Ketten, 1 Sense, 2 Sicheln, sondern auch Speise als 3 Brodt, 1 Hösingen Buitter, 1 Thonne Käse, 1 Seiten Spekk, 2 Seiten Ess-und geräuchert Fleisch, 1 Scheffel Erbsreis. 
  2. 2) Die Weinstrasse, ein alter handelsweg von Nürnberg über den Thüringer Wald nach Leipzig soll sich nicht den Namen von Wein, sondern vielmehr von Wain = Wagen erhalten haben. Im Englischen  ist wain eine provinzielle, bzw. alte Bezeichnung von Wagen. 
  3. 3) Im Englischen Charles Wain. 
  4. 4) Vergleiche Heft: Die Baseler Familie Herwagen. 
  5. 5) Das Adressbuch von München nennt 1935 10 Namensträger, Leipzig dagegen nur vier 
  6. 6) Deutsche Sippennamen 1936, 
  7. 7) Vergleiche auch Hellweg = Heerweg, Heerstrasse 
  8. 8) So nennt das Adressbuch von Köln für das Jahr 1936 drei Namensträder Herwagen, aber keinen Heerwagen. Dagegen lässt sich z.B. in Berlin und Dresden kein Herwagen nachweisen, wohl aber fünf bzw. vier Träger des Namens Heerwagen. In Braunschweig ist die Namensform Heerwagen dreimal, Herwagen dagegebn nur einmal vertreten. Auch kommt hier die Form Hellwage einmal vor.   

Quelle:  Braunschweig November 1946, Heinz Heerwagen